Hintergrund, IntrovisionCoaching, Persönlichkeitsentwicklung
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Was bedeutet Persönlichkeitsentwicklung?

Persönlichkeit könnte man mit einem Theater vergleichen: Es gibt Teile, die sind öffentlich, die sieht man, die sind wie die Bühne oder das Foyer: Da ist man die Führungskraft, Ehepartner, Mutter oder Vater, Freund oder Freundin. Auf der öffentlichen Bühne zeigen wir auch gern, war wir an uns mögen, worauf wir vielleicht stolz sind: Eigenschaften wie Toleranz, Humor, Zuverlässigkeit, was auch immer. Was die Persönlichkeit jedoch ebenfalls ausmacht, das sind die nicht-öffentlichen Teile, Teile, die wir am liebsten sogar vor uns selber verstecken möchten: Meist sind das verletzte Kind-Anteile, die einhergehen mit Furcht, Trauer, Wut, Unbeherrschtheit. Weil man diese Teile nicht mag, nichts mit ihnen zu tun haben will, schickt man sie immer wieder weg. Doch sie verschwinden dadurch nicht auf Nimmerwiedersehen, wie man das gern hätte. Denn auch wenn man sie nicht mag, haben sie ihre Daseins-Berechtigung. Sie sind ein wichtiger Hinweis darauf, dass man einen Entwicklungsschritt nachzuholen hat, den man als Kind nicht gehen konnte. Das Verleugnen, das Abspalten dieser Teile ist jedoch die Ursache dafür, dass sie sich nie verändern. Nur wenn man sie auf die innere Bühne holt und dort sein lässt, können sich die inneren Kind-Anteile entwickeln, können nach-reifen.

Nun gibt es noch weitere Persönlichkeitsanteile, die einem selbst vielleicht noch viel unangenehmer sind als Furcht, Trauer und Wut, weil man sie als ethisch absolut anrüchig empfindet, z.B. Neid, Missgunst, Bösartigkeit, Hass, Vorurteile. Die will man erst recht nicht wahrhaben. Für den Umgang mit solchen Persönlichkeitsanteilen gilt jedoch genau das Gleiche, was wir schon gesagt haben: Nur wenn ich mir bewusst mache, dass sie da sind, kann ich die Regie über sie behalten. Und nur wenn ich mich selbst akzeptieren kann, auch mit diesem Anteil, kann sich etwas verändern. Handelt man, was ja durchaus vorkommt, aus einem solchen Teil heraus, den man an sich selbst nicht mag und deshalb nicht wahrhaben will, der nicht integriert ist, sagt man gern: „Da war ich nicht Ich selbst! Da stand ich neben mir!“

Doch dadurch, dass dieser Teil abgespalten, nicht integriert ist, behält er unter Umständen eine ziemlich große Macht, denn man kann nur kontrollieren, was man kennt. Wenn jemand den Anspruch an sich selbst hat „Ich darf keine destruktiven Teile haben“, so wird er vermutlich immer wieder sehr destruktiv handeln, ohne das wahrhaben zu wollen. Dafür gibt es den schönen Ausdruck Scheinheiligkeit. Im gesellschaftlichen Bereich lässt sich das gerade sehr klar beobachten an den Vorgängen in der katholischen Kirche: Der massenhafte Missbrauch von Kindern, Jugendlichen und Nonnen hätte sich nicht jahrzehnte- vielleicht jahrhundertelang aufrechterhalten lassen, wenn er nicht systematisch geleugnet und vertuscht worden wäre. Aber auch im wirtschaftlichen Kontext gibt es jede Menge Scheinheiligkeit – Beispiele kennt wohl jeder selbst genug.

Diese „hässlichen“ Seiten finden sich in jedem. Doch dazu gibt es ja auch Gegengewichte: Fähige, mutige, liebevolle, fürsorgliche, vernünftige, abwägende, klarsichtige Seiten. Wenn die unangenehmen Teile angenommen werden und damit integriert sind in die eigene Persönlichkeit, dann ist es auch kein Problem, wenn sie sich melden. Dann kann man nämlich einfach wahrnehmen, dass sich da jetzt eine neidische, destruktive oder missgünstige Stimme meldet, braucht darüber nicht zu erschrecken, sondern weiß, dass man das zwar hat, aber nicht ausleben muss. Solche Teile abzuspalten, macht sie nur stärker. Wenn man glaubt „Das bin nicht ich, das hat mit mir nichts zu tun!“ gibt man die Kontrolle darüber auf. In der Sprache drückt sich das dadurch aus, dass man ein grausames, bösartiges Verhalten, das ausschließlich Menschen an den Tag legen „unmenschlich“ nennt – man will die brutalen Seiten des Menschen abspalten. Mit dem Ergebnis, dass sich nichts daran ändert.

Persönlichkeitsentwicklung beginnt in jedem Fall damit, anzuerkennen, dass man Persönlichkeitsanteile hat, die einem nicht gefallen, ängstliche, traurige, aber auch unangenehme, destruktive Seiten. Persönlichkeitsentwicklung beginnt also mit einem kognitiven Akt – mit der Erkenntnis, dass nicht nur jenen Seiten in mir vorhanden sind, die ich mag und die mir gefallen. Doch das Schwierige an Persönlichkeitsentwicklung ist, dass man mit Verstehen allein nicht wirklich weiterkommt. So paradox es klingt: Man muss den eigenen inneren Widerstand gegen die ungeliebten Teile aufgeben!

Konkret bedeutet das, sie mit nicht-wertender Aufmerksamkeit und Akzeptanz wahrzunehmen – sie zu beobachten, ohne sie weghaben oder verändern zu wollen. Normalerweise bewerten wir unsere Gedanken- und Gefühlsregungen in „gut“ oder „schlecht“ – daran sind wir so gewöhnt, das geht ganz automatisch, das ist uns in vielen Fällen noch nicht einmal richtig bewusst. Um diesen Bewertungs-Automatismus zu ändern, ist ein guter erster Schritt, die eigene Achtsamkeit zu erhöhen.

Der Begriff „Achtsamkeit“ ist durch den inflationären Gebrauch der letzten paar Jahre bei manchen Menschen ein wenig in Verruf geraten. Ich verwende ihn trotzdem, weil es keinen besseren Ausdruck für das bewusste, nicht-wertende, aufmerksame Beobachten der eigenen inneren Vorgänge gibt. Durch Achtsamkeit gibt man den Gedanken und Gefühlen Raum – aber ohne ihnen die Regie über das eigene Leben zu überlassen. Sie bewusst wahrnehmen bedeutet nicht, sich in ihnen zu verlieren – ganz im Gegenteil. Solange man in der bewussten Beobachtung bleibt, lässt man sich nicht von Gedanken oder Gefühlen forttragen. Man akzeptiert,  dass sie da sind, aber man handelt nicht entsprechend.

Diese innere Haltung lernt man sehr gut zum Beispiel in Kursen zum „Mindfulness Based Stress Reduction“- Programm (MBSR). Die dauern für gewöhnlich acht Wochen und in dieser Zeit kann man die eigene Achtsamkeit erstaunlich gut erhöhen. Das ist nicht immer nur angenehm, denn man nimmt natürlich nicht nur das Positive, sondern eben auch das Negative viel deutlicher wahr als zuvor. Es gibt Menschen, die richtig erschrocken waren, als ihnen bewusst wurde, wie viele negative innere Dialoge sich bei ihnen unentwegt abspielen, wie viele Abwertungen auch, sich selbst und anderen gegenüber. Doch erst, wenn man diese abwertenden, negativen Teile einfach wahrnehmen kann – ohne sie vor lauter Schreck gleich wieder in die Versenkung zu schicken – kann man sie integrieren. Das gleiche gilt für innere Anteile, die Schmerz oder Angst verursachen. Nur durch die Bereitschaft, den Schmerz oder die Angst auszuhalten und nicht-wertend wahrzunehmen, lösen sie sich schließlich auf.

Der Weg, über die allgemeine Erhöhung der Achtsamkeit, immer mehr Persönlichkeitsanteile zu integrieren und dadurch alte Probleme, innere Blockaden und Einschränkungen zu bewältigen, ist gut, dauert aber unter Umständen deutlich länger als die acht Wochen, die man zum Erlernen der Methode braucht, denn man geht dabei ganz unspezifisch vor. Außerdem ist es schwierig, auf diese Weise die verletzten Kind-Anteile, die einer Weiterentwicklung der Persönlichkeit am meisten im Weg stehen, zu integrieren, denn diese Anteile zeigen sich so gut wie nie „freiwillig“. Im Alltag werden sie durch bestimmte Situationen getriggert, und genau das kann man mit der richtigen Methode auch bewusst erzeugen. Eine solche Methode ist Introvision-Coaching. Über Introvision-Coaching haben wir an anderer Stelle schon ausführlich geschrieben, deshalb hier nur noch einmal in aller Kürze, wie es funktioniert:

  • Man lernt, die Haltung der nicht-wertenden, achtsamen Beobachtung einzunehmen
  • Man ermittelt, welcher Satz den inneren Alarm, der für das Problem und den damit verbunden Stress verantwortlich ist, auslöst
  • Man bewertet auf einer Skala von eins bis zehn, wie hoch die Belastung durch den Alarm ist
  • Man konfrontiert sich in der Haltung der Achtsamkeit mit dem Alarm auslösenden Satz und beobachtet einfach nur, was er auf der körperlichen, emotionalen und mentalen Ebene auslöst
  • Man behält diese beobachtende Haltung, wenn man es schafft, etwa zehn Minuten bei
  • Man reflektiert das Erlebte und bewertet die Höhe des Alarms neu
  • Man schließt ein zweites Setting an

Man übt anschließend täglich so lange weiter, bis der Alarm bei Null ist.

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