Persönlichkeitsentwicklung
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Kennen Sie jemanden, der „Willensschwäche“ als erklärtes Ziel hat?

Willenskraft

Willensstärke wird wohl von jedem Menschen als durchaus wünschenswerte Eigenschaft  angesehen. Oder kennen Sie jemanden, der für sich lieber mehr Willensschwäche hätte? Willenskraft ist ja auch eine sinnvolle Errungenschaft, denn sie dient im Großen und Ganzen den eigenen Interessen. Wer willensstark ist, erreicht seine Ziele eher als ein Schluffi, der lieber seiner Bequemlichkeit nachgibt. Manche Anstrengung lässt sich nur mit Willensstärke durchhalten. Aber besitzen Sie genug von diesem wunderbaren Elixier? Und wenn Sie gern mehr davon hätten, wie ließe sich das erreichen?

Psychologen, die ja gern die bemerkenswertesten Experimente austüfteln, haben eine Versuchsanordnung ersonnen, mit der sie testen wollten, ob sich Willensstärke einfach trainieren lässt. Sie haben den Versuchsteilnehmern deshalb eine ganz einfache Form von Impuls-Kontrolle beigebracht. Zum Beispiel sollten sie trainieren, Türen statt wie gewohnt mit der rechten, nur noch mit der linken Hand zu öffnen. Ich glaube, es gab noch zwei, drei weitere, recht simple Aufgaben. Anschließend unterzogen sie die Teilnehmer einem Test, der ein gewisses Maß an Willensstärke erfordert. Und siehe da – die Gruppe derjenigen, die (ohne zu wissen wofür) ihre Impuls-Kontrolle trainiert hatte, schnitt dabei besser ab als eine Kontroll-Gruppe, die kein solches Training hatte.

Impuls-Kontrolle als ein Weg zu mehr Willensstärke, das sollte doch nicht so schwierig sein, oder?

Das Impuls-Kontrolle auf jeden Fall eine hilfreiche Angelegenheit ist, weiß auch jeder, der MBSR, also Mindfulness Based Stress Reduction, praktiziert. Beim MBSR-Training geht es darum, mehr Achtsamkeit zu entwickeln und Automatismen zu beenden. Warum ist das wichtig?

Unser Leben ist voll von Automatismen. Das ist zum Teil sehr hilfreich und entlastend. Besser ich schaue automatisch nach rechts und links, bevor ich über die Straße gehe, als dass ich in Gedanken versunken vor ein Auto laufe. Es kann aber auch ziemlich negative Begleiterscheinungen haben. Zum Beispiel, wenn man auf die immer gleiche, automatische Weise eher kontraproduktiv reagiert. Wenn man zwischen Impuls und Reaktion die Achtsamkeit einschieben kann – was bedeutet, erst einmal einfach nur wahrnimmt, dass da ein Impuls ist – dann erhält man den Freiraum, eigene Entscheidungen zu treffen.

Wenn man nicht „automatisch“ reagiert, kann man sich entscheiden, ob es sinnvoll ist, in der üblichen Weise zu reagieren oder ob es nicht vielleicht besser ist, entweder gar nichts oder etwas anderes zu machen. Zum Beispiel wenn man sich ärgert und ganz automatisch in einer solchen Situation so reagiert, dass man dem Gegenüber deutlich die Meinung geigt. Kann man diesen Impuls, den Ärger sofort rauszulassen, jedoch erst einmal einfach nur wahrnehmen, ihn beobachten, ohne ihn zu unterdrücken und ohne ihm nachzugeben, schafft man sich den Spielraum, in dem eine selbständige Entscheidung möglich wird, ob es in dieser Situation klüger ist, den Ärger zu zeigen oder sich zurückzuhalten.

Man kann lernen, diese innere Distanz zwischen Impuls und Reaktion zu schaffen, selbst wenn es sich um starke Emotionen handelt, die den Impuls auslösen. Sich nicht mehr von seinen Gefühlen überrollen zu lassen, hat den Effekt, dass man zu sehr viel besseren Problemlösungen kommen kann, als wenn man automatisch den Haumichblau gibt – und sich womöglich hinterher über sich selbst grün und blau ärgert, weil man „mal wieder so bescheuert“ reagiert hat.

Es gibt viele weitere Beispiele dafür, wie hilfreich sich Impulskontrolle auswirkt. Ich erinnere zum Beispiel an den Beitrag „Feiertage vorbei – Pfunde noch da“, wo es um den kontrollierten Umgang mit Süßigkeiten ging. Dass die Impulskontrolle nicht nur in spezifischen Situationen hilft, mit schlechten Gewohnheiten fertig zu werden, sondern die Willensstärke insgesamt fördert, ist ein weiterer der vielen positiven Effekte von Achtsamkeitstraining. Und dass man kein Kloster im Himalaya aufsuchen muss, um die Achtsamkeit  zu üben, sondern es mit vielen kleinen Dingen im Alltag tun kann –  mit welcher Hand öffne ich die Tür / wo lege ich meinen Hausschlüssel oder mein Portemonnaie hin / wo platziere ich mein Telefon auf dem Schreibtisch – ist doch ebenfalls sehr erfreulich, denn es spart Zeit und Geld. Sozusagen minimaler Aufwand mit maximalem Nutzen! Gegen einen Achtsamkeitskurs mit MBSR spricht natürlich trotzdem nichts, den gibt es inzwischen ja auch fast überall.

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