Persönlichkeitsentwicklung
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„Du hast mich so verletzt, schluchz!“

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Blut ist keines geflossen – aber wenn! Man würde darin waten, mindestens! „Du hast mich so verletzt“ zählt wahrscheinlich zu den beliebtesten Vorwürfen überhaupt, wenn in irgendeiner Beziehung, zwischen Partnern, Freunden, Eltern und Kindern, sonstigen Verbandelungen selbst beruflicher Art, etwas nicht so lief, wie man selbst sich das vorgestellt hat.

Natürlich tut einem manchmal ganz schön weh, was jemand sagt oder tut – das sei hier ganz und gar nicht in Frage gestellt! Natürlich tut es höllisch weh, wenn man verlassen wird, oder mit ungerechtfertigten Vorwürfen traktiert wird, oder sich nicht geliebt fühlt, und das dazu noch ausgerechnet von den Menschen, von denen man es sich am meisten wünscht.

Aber lassen Sie uns doch mal genau hinschauen, welche Implikationen sich in der Ansage: „Du / er / sie hat mich so verletzt!“ verbergen. Das ist nämlich einiges:

  • „Du hast das absichtlich gemacht!“
  • „Du bist Schuld an allem – dass es mir so schlecht geht, dass mein Lebenstraum nicht wahr wird, dass ich dastehe wie der letzte Trottel, dass ich mich von dieser Wunde wahrscheinlich nie wieder erhole!“
  • „Ich bin ein armes Opfer und du ein böser Täter!“

Fangen wir doch gleich mal mit dem letzten Punkt an. Ganz egal, was der andere gemacht hat, und sei er das mieseste Schwein unter der Sonne, sich selbst zum Opfer zu machen, IST NIEMALS KLUG! Denn Opfer sind hilflos und abhängig. Sie haben es selbst nicht in der Hand, etwas an ihrer Situation zu verändern, Opfer sind der Willkür und Gnade anderer ausgeliefert. Das sind ziemlich schlechte Voraussetzungen, um selbst etwas dafür zu tun, dass es einem nach einer unangenehmen, traurigen oder auch sehr schmerzhaften Episode wieder besser geht.

„Du bist Schuld daran, dass es mir so schlecht geht!“ Das ist eine Anklage, die zumindest fragwürdig ist. Können Erwachsene sich wirklich gegenseitig verletzen, ohne eine Waffe in die Hand zu nehmen oder zu sonstiger körperlicher Gewalt zu greifen? Nein, eher nicht! Erwachsene haben jederzeit die freie Entscheidung, eine Beziehung zu beenden, die ihnen nicht gut tut, sie können sich innerlich abgrenzen, und sie sind in der Lage, sich selbst zu definieren und müssen sich nicht von außen definieren lassen. Sie können sich darüber ärgern, wenn jemand versucht, sie auf eine hinterhältige, bösartige und ungerechtfertigte Weise zu definieren, sehr heftig sogar – aber verletzen wird sie so etwas nur, wenn die Anwürfe auf alte Wunden treffen. Kleine Kinder sind abhängig, werden von ihrem Umfeld definiert und haben noch nicht die Möglichkeit, sich innerlich abzugrenzen. Sie können sich nicht wehren gegen übermächtige Erwachsene. Da können Verletzungen passieren – mit und ohne Absicht. Diese Verletzungen müssen Kinder erdulden, weil sie nicht einfach gehen können, wenn es zu schlimm wird.

Als Erwachsener hat man all diese Möglichkeiten. Aber ist es wirklich die Schuld eines anderen, wenn man die nicht nutzt? Wenn man während seines Erwachsenenlebens das Gefühl hat, gerade von einem anderen verletzt zu werden, so liegt das daran, dass derjenige mit seinem Verhalten eine alte Wunde aufreißt. Eine alte Wunde, mit der man selbst aber offenbar auch nie einen Heilungsversuch unternommen hat. Stattdessen zeigt man lieber darauf und behauptet: „Die hast du mir geschlagen!“ Wie gesagt: Natürlich tut es weh, wenn jemand an diese alte Wunde rührt. Aber derjenige ist nicht verantwortlich dafür, dass sie da ist!

Das schlechte Gewissen, dass der andere kriegen soll durch die Anklage „Du hast mich so verletzt!“ hält man (uneingestandenermaßen) auch für gerechtfertigt, denn es wird damit dem anderen ja auch eine (böse) Absicht unterstellt. Vor allem im Falle einer Trennung, die meist ja als besonders schmerzlich und verletzend empfunden wird, unterstützt der Vorwurf den inneren Glauben, der andere habe das getan, um einem weh zu tun. Verlässt man selbst einen Partner, weiß man ganz genau, dass es dafür viele und gute Gründe gab – aber dass man diesen Schritt keineswegs unternahm, nur um dem anderen weh zu tun. Niemand verlässt eine Beziehung, nur um den Partner zu verletzen – wäre das so, würde es die ganze Partnerschaft davor ad absurdum führen. Und selbst wenn jemand eine Trennung so mies wie möglich gestaltet, um dem anderen noch eine reinzuwürgen, auch das soll ja vorkommen, ist die Frage, warum man sich davon verletzen lässt, statt froh zu sein, so eine unangenehme Person los zu sein.

Um es noch einmal klar zu stellen: Wir sprechen hier nicht von der vollkommen natürlichen und normalen Trauer, die sich einstellt, wenn eine Beziehung, die einem wertvoll und wichtig war, vorbei ist. Man ist traurig, wenn man jemanden verliert, und darf das auch sein. Aber wenn das Gefühl der Verletztheit gar nicht aufhört, dann ist das nicht natürlich. Dann steckt da noch etwas anderes dahinter. Es gibt Menschen, die halten dieses Gefühl von Verletzt sein über Jahrzehnte aufrecht. Muss nicht sein!

Nun sitzen Sie also da mit dieser furchtbaren Situation, fühlen sich mehr als mies und dürfen sich noch nicht einmal mehr Luft verschaffen mit der Anklage: „Du hast mich so verletzt!“ Was können Sie tun? Wenn Sie sich wirklich besser fühlen wollen, ist Selbstmitleid echt der schlechteste Weg! Es nützt nichts, den Mist vor die Haustür eines anderen zu karren. Er kehrt auf wundersame Weise immer wieder zu Ihnen zurück.

Es führt kein Weg daran vorbei, Sie müssen sich Ihren Gefühlen stellen. Setzen Sie sich hin und ergründen Sie: „Was daran genau ist es, das mir so weh tut? Was ist das eigentlich Schwierige für mich dabei?“ Was immer auch passiert, es ist nämlich zunächst einmal ein Ereignis! Das etwas zum Problem wird, das ist das, was wir mit dem Ereignis machen. Dass der Partner geht, ist, so krass es klingt, erst einmal „nur“ ein Ereignis. Was daran genau tut mir so weh? Dass ich über mich selbst denke, nicht liebenswert zu sein? Dass ich Angst habe, nie mehr zu lieben oder geliebt zu werden? Dass ich mich so verlassen fühle, wie damals als Kind? Dass ich mich zurückgewiesen fühle? Dass ich mir selbst die Schuld gebe für das Ende der Beziehung? Oder was ist es?

Wenn ich herausgefunden habe, was mich wirklich am meisten schmerzt, dann gibt es nur eine Möglichkeit, diesen Schmerz loszuwerden: Ich muss mich ihm stellen. Zum Beispiel indem ich mich mit dem Gedanken konfrontiere: „Ja, es kann sein, dass ich immer wieder zurückgewiesen werde.“ Und dann einfach beobachte, welchen Sturm an körperlichen Reaktionen, Gefühlen und Gedanken ich damit entfache. Einfach wahrnehmen, aufmerksam zur Kenntnis nehmen, sich nicht davon forttragen lassen, sondern anschauen und gehen lassen – so, wie wir das in inzwischen einigen Beiträgen zu IntrovisionCoaching beschrieben haben. Dabei lässt sich dann nämlich auch die Erfahrung machen, dass der Sturm nachlässt, der Gefühlsaufruhr nach und nach weniger wird, bis er schließlich ganz verschwindet und man schließlich auch den Schmerz loslassen kann.

Wenn man, statt die Schuld auf den anderen zu schieben, sich mit den eigenen Gefühlen auseinandersetzt, kommt es zu einer Weiterentwicklung der eigenen Persönlichkeit – und das kann man immer brauchen, ob man nun eine neue Beziehung eingeht oder nicht. Oder ob es überhaupt um einen Liebespartner geht oder nicht. Loszulassen, wenn man sich geärgert hat über die blöden, ungerechtfertigten Bemerkungen eines anderen, oder den Eltern zu verzeihen, dass sie so viele Fehler bei der eigenen Erziehung gemacht haben, all das gelingt viel einfacher, wenn man nicht mehr dieses lästige Verletzungspech mit sich rumschleppt.

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