Persönlichkeitsentwicklung
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Dass du dich auch mal wieder meldest!

Junge Frau denkt an Telefon

Es ist Sonntagnachmittag. Man hat zwei echt anstrengende Wochen hinter sich – und zwei ebensolche vor sich. Eigentlich will man Sonntag nur vertrödeln und sich um gar nichts kümmern. Aber das kindliche Pflichtgefühl meldet sich, also nimmt man den Hörer zur Hand und wählt:

  • Gewollt munter, denn man ahnt schon, was kommt: „Hallo Mama, ich bin’s.“
  • Der personifizierte Vorwurf:„Also dass du dich mal wieder meldest!“
  • Schon nicht mehr ganz so munter, aber um Beherrschung bemüht: „Ich hatte wahnsinnig viel zu tun…“
  • Süffisant: „Na, also, die paar Minuten für deine armen alten Eltern hättest du ja wohl erübrigen können!“
  • Herrgottnochmal, schon wieder diese alte Leier und dafür opfert man seinen kostbaren Sonntagnachmittag, denkt man, und reagiert leicht genervt: „Mama, ich hatte echt Stress!“
  • Mit bitterer Stimme: „Ja, und ich hatte keinen Stress, ich hab mir ja bloß Sorgen gemacht, ob es dir gut geht. Und Papa hatte schon wieder fast einen Herzanfall. Aber du denkst ja nur an deinen Job!“
  • Man bemüht sich noch immer um Fassung: „Was ist denn mit Papa?“
  • Das tiefe Leid tropft durch die Leitung: „Aber wie es mir geht interessiert dich nicht!“
  • Es platzt ein Kragen. Beide kriegführenden Parteien streben einen geordneten Rückzug an und die Stimmung ist im Keller. Ende des Gesprächs.

Eines der interessantesten psychologischen Konzepte stammt aus der Transaktionsanalyse und erklärt nicht nur, weshalb Kommunikation manchmal gründlich in die Hose geht, sondern auch, weshalb man in manchen Gesprächssituationen das Gefühl hat, genau zu wissen, was als nächstes kommt – und dass das nichts Gutes sein wird. Es handelt sich dabei um das Konzept der „Psychologischen Spiele“. Es beschreibt, wie die „Rituale“, nach denen diese Spielchen unter Erwachsenen ablaufen, aufgebaut sind. Kurz gesagt, geht das so:

Person A wirft für Person B einen „Köder“ aus. Der „Köder“ kann ein Vorwurf sein – am besten natürlich ein ungerechtfertigter, der wird nämlich am liebsten geschluckt. Oder eine Unterstellung, auch am besten an den Haaren herbeigezogen, das ist für den auserkorenen Mitspieler meist unwiderstehlich. Oder es ist eine Bitte um Hilfe, am besten nach einer Unterstützung, die man in Wirklichkeit überhaupt nicht braucht. Oder es ist ein ironischer „Pieks“ – selbstverständlich überhaupt nicht böse gemeint – aber Person A weiß genau, dass Person B darauf ganz besonders empfindlich reagiert. Als Köder eignet sich fast alles – Hauptsache Person B schluckt ihn.

Person B schluckt den Köder, weil der auf ihren „wunden Punkt“ trifft. Der „wunde Punkt“ heißt so, weil man da eine empfindliche Stelle hat. Die will man schützen, also geht man entweder in Verteidigungshaltung. Oder reagiert mit zusammengebissenen Zähnen, weil man sich nicht anders zu helfen weiß.

Das Geplänkel zwischen Person A und Person B geht eine Weile, mal länger, mal kürzer, Hin und Her – ohne dass einer von beiden ganz offen sagt, was eigentlich Sache ist.

Schließlich macht einer von beiden irgendeine überraschende Wendung und das unerquickliche Gespräch ist beendet.

Beide fühlen sich am Ende schlecht, wobei diese Skala von leicht verschnupft bis richtig mies, von leicht verärgert bis stinkwütend reichen kann.

Ein weiteres Kennzeichen Psychologischer Spiel ist, das wesentliche Dinge entweder ausgeblendet oder verzerrt werden – siehe „ungerechtfertigte Vorwürfe“ oder „an den Haaren herbeigezogene Unterstellungen“. Aber es kann auch anderes ausgeblendet werden: Zum Beispiel, dass man nicht zur Kenntnis nimmt, dass der andere gerade gar keine Zeit oder keinen Nerv für ein Gespräch hat. Oder man blendet Tatsachen aus, die nicht zur eigenen Meinung passen. Oder man verzerrt die Wahrnehmung hinsichtlich der eigenen oder der fremden Hilfsbedürftigkeit / Wichtigkeit / Bedeutung. Oder man bauscht das eigene Handeln auf und macht das Handeln des anderen gering – und umgekehrt.

Im oben mitgeschnittenen Gespräch blendete die Mutter zum einen aus, dass der Sohn sich sehr wohl regelmäßig meldet, wenn auch nicht mit der Häufigkeit, die die Mutter wohl erwartet. Sie blendet aber noch einen weiteren Aspekt der Realität aus: Dass Telefone nämlich durchaus in zwei Richtungen funktionieren. Man kann mit diesen Wunderwerken nicht nur Anrufe empfangen – nein, man kann damit auch selbst welche tätigen! Das sollte man Eltern vielleicht doch mal gründlich erklären, denn wenn ich etwa in Vorträgen das Konzept der Psychologischen Spiele vorstelle und darauf eingehe, dass solche Spiele nicht nur in praktisch allen Büros dieser Welt gespielt werden, sondern auch zwischen Eltern und Kindern, scheinen die meisten Anwesenden den Satz „Dass du dich mal wieder meldest!“ zu kennen.

Eigentlich schade, dass die sehr wertvolle Beziehung zwischen Eltern und Kindern durch solche Psychologischen Spiele belastet wird. Es muss auch nicht sein. Man kann aus solchen Spielen aussteigen. Oder noch besser, es gar nicht erst so weit kommen lassen. Wie das geht, wird sehr ausführlich in unserem Buch „Schluss mit diesen Spielchen“ beschrieben. Da findet man aber auch die „Spielanleitungen“ für jede Menge andere interessante Spiele: Das „Gerichtssaal-Spiel“, zum Beispiel, oder das „Ja-aber-Spiel“, das „Holzbein-Spiel“ und das Spiel „Jetzt hab ich dich, du Schweinehund“ und noch eine ganze Menge mehr.

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