Persönlichkeitsentwicklung
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Arbeiten Sie noch an sich oder sind Sie schon erleuchtet?

Selbstakzeptanz

Zählen Sie auch zu den gefühlten neunundneunzig, Komma neun Prozent der Menschen hierzulande, die sich selbst nicht zu hundert Prozent bejahen können? Oder können Sie sich selbst ganz und gar so annehmen, wie Sie sind – mit allen kleinen Macken, Unzulänglichkeiten, großen und kleinen Fehlern, Ängsten und Spleens? Dann brauchen Sie gar nicht weiterlesen – schweben Sie hinweg uns lassen Sie Ihr erleuchtetes Licht strahlen.

Aber für alle anderen von uns ist es vielleicht doch hilfreich, immer weiterzumachen mit der für die Normalsterblichen nie endenden Aufgabe des persönlichen Wachstums. Ein wichtiger Schritt auf diesem Weg ist, sich der Seiten der eigenen Persönlichkeit anzunehmen, die man überhaupt nicht mag. Jeder hat Seiten an sich, mit denen er überhaupt nicht in Kontakt kommen möchte. Man fürchtet den Kontakt mit solchen Persönlichkeitsanteilen wie der Teufel das Weihwasser, denn die Gefühle, die sie auslösen, sind sehr unangenehm. Wer spürt schon gern Angst, wer gibt schon gern zu, dass er manchmal grün werden könnte vor Neid, wer verurteilt Kleinlichkeit nicht viel lieber bei anderen als sie bei sich anzuschauen, wer hasst es nicht, sich unsicher zu fühlen?

Wenn man sich auf die Suche macht nach dem Grund für all diese „Unzulänglichkeiten“ kommt man oft dahinter, dass ein Kind eine Situation zu durchleben hatte, die als sehr schwierig, sehr schmerzhaft oder bedrohlich empfunden wurde. Diese Erlebnisse können durch Eltern, andere Erwachsene, oder auch durch die anderen Kinder ausgelöst worden sein. Hänseleien, Demütigungen, Liebesentzug, aus der Gruppe ausgeschlossen werden, oder Gewalterfahrungen aller Art sind Situationen, in denen ein Kind eigentlich einen Erwachsenen braucht, um das zu bewältigen. Wenn in solchen Notsituationen kein Erwachsener zur Stelle ist, der vernünftig darauf reagiert und für das Kind da ist, ihm gibt, was es braucht, dann bleibt ein verletzter, bedürftiger Teil übrig, der, weil er nie bewältigt wurde, auch im Erwachsenen noch vorhanden ist. Dieser Teil des in der Transaktionsanalyse so genannten Kind-Ichs ist verknüpft mit all den Gefühlen von Demütigung, Ablehnung, Versagen, Scham oder was auch immer.

Dass es damals keinen Erwachsenen gab, der das Kind hätte auffangen können, ist schlimm genug. Das eigentlich Tragische ist jedoch, dass sich das fortsetzt. Jetzt, da das Kind von ehedem selbst erwachsen ist und sich selbst eigentlich all das geben könnte, was es braucht, wird das bedürftige innere Kind immer noch allein gelassen – man will nichts mit ihm zu tun haben.

Nehmen wir als Beispiel, dass ein Kind mit einer starken Ablehnung konfrontiert wurde. Wann immer diese Mensch nun in eine Situation kommt, wo er befürchtet, abgelehnt zu werden, werden all die alten, aus der Kindheit bekannten Gefühle aktiviert. Dann schrillt ein Alarm los, der davor warnt, sich in eine solche Situation zu begeben, denn diese Schmerzen will man nicht noch einmal spüren. Also entwickelt der Mensch viele Strategien, um sich davor zu schützen. Manche Menschen richten ihr ganzes Leben danach aus, solchen Alarmen aus dem Weg zu gehen.

Innerlich passiert dabei aber Folgendes: Da ist ein Teil, der sich meldet, weil er Angst hat vor der erneuten Ablehnung oder sich beschämt fühlt – und statt diesem Teil beizustehen, herrscht der Erwachsene ihn an „Verzieh dich, mach dass du wegkommst, ich will dich nicht haben!“ Das ist vergleichbar damit, einem realen Kind zu sagen: „Hau bloß ab mit deiner Angst! Damit will ich nichts zu tun haben!“

Die kindlichen Anteile, die nie wirklich versorgt wurden, aber jederzeit wieder aufrufbar sind, haben sich häufig Auswege aus ihrer Not gesucht. Einer dieser Auswege ist zum Beispiel Leistung. Ein Kind, das sich abgelehnt fühlt, entwickelt dann den Glauben: „Wenn ich nur ganz besonders gut bin, ganz besonders viel leiste, immer die besten Noten habe, dann werde ich gemocht.“ Also leistet man bis zum Umfallen – ohne dass das jedoch wirklich etwas am inneren Gefühl, an der Angst vor der Ablehnung, ändert. Andere wählen den Weg der immerwährenden Hilfsbereitschaft, oder den der Überanpassung und wieder andere versuchen, unsichtbar zu werden. Aber alle machen die Erfahrung, dass die Akzeptanz, die sie sich wünschen, nicht stattfindet – nicht stattfinden kann, weil sie selbst ihre bedürftigen Anteile nicht akzeptieren.

Das einzige, was hilft: Sich selbst diesen Anteilen zu stellen und ihnen Raum zu geben. Wobei „Raum geben“ nicht bedeutet, sich selbst zu betütteln oder gar zu bemitleiden. Raum geben bedeutet, diese Gefühle, wenn sie auftreten, zuzulassen, sie einfach wahrzunehmen. Dieses ruhige Wahrnehmen übernimmt dann sozusagen die Funktion des Erwachsenen, den man als Kind gebraucht hätte – jener Erwachsene, der das Kind auf den Schoß nimmt und gar nicht viel mehr tun muss, als einfach nur da zu sein. Durch das Wahrnehmen allein zeige ich dem verletzten Kind in mir, dass ich es akzeptiere, denn sonst würde ich ihm ja keinen Raum geben. Das ist der Beginn der erhöhten Selbstakzeptanz. Wahrnehmen bedeutet in diesem Zusammenhang auch nicht, dass ich diesen Teil jetzt „gut“ finden muss. Wahrnehmen heißt: Dabeibleiben, anschauen, ohne zu bewerten.

Wer das konsequent macht, wird irgendwann bemerken, dass er weniger Ausweichstrategien nötig hat, aber auch, dass das Leben stressfreier wird. Ich kann mir erlauben, auch mal nicht nur an Leistung zu denken, ich darf auch mal Hilfe verweigern, wenn ich gar keine Kraft dafür habe, ich muss nicht immer unscheinbar sein, sondern darf auch mal in den Mittelpunkt treten. Und ich kann mit Ablehnung umgehen, denn wenn ich mich selbst akzeptiere, brauche ich nicht mehr so viel Angst davor zu haben, wenn andere das mal nicht tun sollten. Natürlich kann es passieren, dass jemand mich mal nicht toll findet, das ist normal, deswegen brauche ich nicht in Panik zu verfallen. Die alten Alarme werden dadurch nicht mehr ausgelöst und das befreit von einer Menge unnötigem Stress.

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